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Der medizinische Placebobegriff in neuem Kontext von Glaube, Hoffnung und Zuversicht
Autor: Dr. med. György Irmey

Autor: Dr. med. György Irmey

Glaube ist der Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist (R. Tagore)

Dem Placebobegriff begegnet vor allem der Arzt in der medizinischen Forschung sehr häufig. Placebo heißt wörtlich aus dem Lateinischen übersetzt: ich werde gefallen ... und ist mehr als die Umschreibung für eine wirkstofflose Pille.

Der Ausdruck wird in der Medizin bei Untersuchungen für die scheinbare Wirkung von Arzneimitteln oder ärztlichen Methoden gebraucht, um wirksame und unwirksame Substanzen voneinander abzugrenzen. 1955 erschien die erste wissenschaftliche Arbeit des amerikanischen Anästhesisten Henry Beecher, der mit simpler Kochsalzlösung im Krieg ähnliche Effekte wie mit Morphinspritzen erzielen konnte. Im Grunde genommen ein wirklich logischer und sinnvoller Prüfansatz, der allerdings heute zu einseitig und dogmatisch genutzt wird. Unter Zuhilfenahme der Placebowirkung werden Blindstudien (der Patient weiß nicht, was er bekommt) oder Doppelblindstudien (der Arzt weiß nicht, was er gibt, und auch der Patient ist nicht informiert) durchgeführt. Die so genannte Placeboantwort oder Placebowirkung eines Mittels oder einer Methode kann laut übereinstimmenden Aussagen von Experten bis zu 40 % nicht nur bei funktionellen Beschwerden wie beispielsweise Rückenschmerzen, sondern auch bei organischen Erkrankungen – wie sie die Krebserkrankung darstellt – betragen.

Ich empfehle allen meinen Patientinnen und Patienten, an die Medikamente zu glauben, die sie einnehmen oder verordnet bekommen, weil ich der Überzeugung bin, dass jedes Medikament oder jedes Heilverfahren nur zusammen mit dem Betroffenen seine optimale Wirkung entfalten kann. Die positive Einstellung zu einem Präparat oder einer Methode betrifft im Übrigen Ansätze der so genannten Schulmedizin und biologisch-komplementären Medizin gleichermaßen. Eine positive Einstellung bedeutet aber weder Aberglauben noch Einbildung, wie zum Beispiel jene Menschen behaupten, die ein mechanistisches und materielles Weltbild besitzen und nur das anerkennen, was mess-, sicht- und beweisbar ist. Zwar ist bekannt, dass Frauen besser auf Placebogaben ansprechen als Männer oder dass die Persönlichkeit des Arztes maßgeblich das Ausmaß der Placebowirkung bestimmt. Die Medizin kann sich die Wirkung des Placeboeffektes aber nur ansatzweise über die Erkenntnisse der Psychoneuroimmunologie (Wissenschaft der Zusammenhänge von Seele, Abwehr- und Nervensystem) erklären und setzt sich mit dem Phänomen an sich weiterhin viel zu wenig auseinander.

In der Psychoonkologie war die Untersuchung des Krebsmittels Krebiozen in den 1950-er Jahren eines der ersten gut dokumentierten Beispiele für die immense Kraft der Vorstellung (1). Ein Patient mit einem weit fortgeschrittenen Lymphdrüsenkrebs, bei dem es damals keine Heilungschancen gab, erfuhr von einem Testprogramm mit dem genannten Mittel. Obwohl eigentlich kein Patient mehr für die Studie zugelassen werden sollte, konnte der Patient die Ärzte überreden, es bei ihm einzusetzen. Innerhalb kurzer Zeit kam es zu einer Rückbildung des Krebsgeschehens, und es ging dem Patienten zunehmend besser. Leider bekam er nach einem halben Jahr einen Rückfall. Zu diesem Zeitpunkt wussten die Ärzte bereits, dass das Mittel nicht wirksam ist. Dennoch drängte der Patient mit so großem Nachdruck, dass die Ärzte schließlich nachgaben. Da das Mittel nicht mehr verfügbar war, gaben sie ihm als Placebo lediglich eine Kochsalzlösung. Dennoch stellte sich zur Überraschung der Ärzte wieder innerhalb kürzester Zeit eine Besserung ein. Nach einigen Monaten wurden die vernichtenden Ergebnisse der Studie mit Krebiozen der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Als der Patient davon erfuhr, bekam er bald darauf einen Rückfall und starb nach wenigen Wochen.

Leider hat sich die Medizin bis zum heutigen Tage mit den für den einzelnen Kranken im Rahmen der Patientenmotivation positiven Aspekten des Placebo-Phänomens viel zu wenig beschäftigt!

Nicht nur bei Arzneimitteln, sogar auch in der Chirurgie lassen sich derartige Untersuchungen durchführen. Eine chirurgische Blindstudie wurde am Houston Veterans Affairs Medical Center bei Patienten mit chronischen Kniegelenkschmerzen durchgeführt und in einer der renommiertesten englischen ärztlichen Fachzeitschriften veröffentlicht (2). Zwei Drittel der Probanden wurden tatsächlich operativ behandelt, beim Rest hingegen wurde der Eingriff, eine so genannte Arthroskopie (Spiegelung des Kniegelenkes), nur vorgetäuscht. Das war möglich, weil der Patient und sein Knie abgedeckt waren und der Eingriff nach einer lokalen Betäubung am Kniegelenk für alle Patienten in gleicher Ausführung sichtbar über einen Bildschirm übertragen wurde. Was die Qualität der Schmerzverbesserung beim Gehen und Treppensteigen nach der tatsächlichen oder der vermeintlichen Operation anging, ließ sich bei den Ergebnissen auch nach zwei Jahren offenbar kein Unterschied zwischen beiden Gruppen feststellen.

Prof. Dr. Franz Porzsolt von der Universität Ulm hat eine vergleichende Studie mit Medikamenten durchgeführt, wobei diese einmal von einem Automaten und das andere Mal von einem Arzt dem Patienten gegeben wurden. Dabei konnte er belegen, dass die Wirksamkeit im zweiten Fall signifikant höher war. Der geistige Einfluss geht sogar noch weiter, wie seine Placeboforschungen beweisen: In Einzelfällen konnte er sogar bis zu 80 % Wirksamkeit belegen.

Kein Thema scheint mir von größerer Bedeutung im Umgang mit dem hoch-komplexen Krankheitsbild einer Krebserkrankung wie Hoffnung, Glauben und Zuversicht. Auch wenn es sich nicht um messbare Größen handelt, sind diese Faktoren zweifelsohne die wichtigsten für den Erfolg einer Behandlung oder einen passenden Umgang mit der Herausforderung dieser Erkrankung. Für mich ist das Zusammenspiel von Glauben an eine Behandlung und deren Wirksamkeit eine Tatsache. Dabei geht es weder um den Glauben im Sinne einer bestimmten Religion noch um eine irrationale Fixierung auf einen Heilungsprozess. Nein – es geht um das Thema Vertrauen, es geht darum, Menschen zu finden, die Vertrauen in mir aufbauen. Schon in der Bibel steht: „Die Hoffnung lockt in dem anderen Menschen hervor, was wir noch nicht sehen ...“. In jedem Menschen liegt sehr viel Positives verborgen, nur wir finden es nicht immer gleich.

Ein Arzneimittel wird durch den Arzt zum Heilmittel. Dieser Aspekt macht deutlich, wie wichtig es ist, mit einer Therapie in innerer Übereinstimmung zu sein.

Nur wenn der Patient innerlich die Behandlung unterstützt und seine Absicht auf die Heilung lenkt, kann die Therapie ihre Wirkung entfalten. Insofern ist der Patient selbst sein eigener wirksamster Arzt, wenn er seelisch und geistig seinen Genesungsprozess unterstützt. Glauben kann nicht bedeuten, sich an Wünsche und Illusionen zu klammern oder die Zukunft absichern zu wollen, sondern zu wissen, dass es eine Kraft gibt, die über allem Menschlichen steht. Diese Kraft wirkt in jedem von uns wie auch in allem für uns Erkennbaren. Wenn wir glauben können, haben wir zu unserer irrationalen oder transzendenten Seite eine Beziehung und können die Beschränktheit aller menschlichen Logik und Rationalität nachempfinden. Es ist erst einige wenige Jahre her, dass Neurowissenschaftler herausfanden, wie im Gehirn sich kognitive Prozesse auch in heilsame Körperreaktionen verwandeln können. In diesem Sinne darf jeder an Heilprozesse glauben, auch wenn die Medizin keine guten Prognosen stellt.


Zum Autor Dr. med. György Irmey

Facharzt für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren, ärztlicher Direktor der Gesellschaft für Biologische Krebsabwehr, Referent ärztliche Fortbildungslehrgänge Naturheilverfahren, Buchautor, Kursleiter Visualisieren, Bachblüten und Angewandte Kinesiologie, 20 Jahre Chefredakteur der ärztlichen Fachzeitschrift Erfahrungsheilkunde, Gründer und Vorsitzender des Förderkreises Ganzheit in der Medizin GANIMED e. V. an der Universität Heidelberg.

Kontakt: Gesellschaft für biologische Krebsabwehr e.V. (GfBK), Voßstr. 3, D-69115 Heidelberg, Tel.: 06221 / 138020, Fax: 06221 / 1380220, g.irmey@biokrebs.de, www.biokrebs.de