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Starke Kinder brauchen starke Eltern
Autor: Aenne Milnikel und Oliver Hechtenberg

Die Kinesiologie ist mittlerweile in Bezug auf Lernen und Lernschwierigkeiten landläufig bekannt und in der Lernberatung sehr verbreitet. Sie hat sich über die Jahre bewährt und bietet in vielen Fällen Hilfe. Eine bekannte Methode ist „Brain Gym“, welche u. a. durch praktische Übungen auf das Gehirn einwirkt, es aktiviert und Stress abbaut. In der Schule von LehrerInnen angewandt, werden Konzentration und Aufmerksamkeit z. B. vor Klassenarbeiten gefördert und wichtige Gehirnzentren aktiviert mit dem Erfolg, dass bessere Ergebnisse in den Leistungsüberprüfungen und -resultaten erzielt werden. Eine spezialisiertere Form daraus stellt die Entwicklung des Australiers Dr. Charles T. Krebs mit seinem LEAP (Learning Enhancement Advanced Program) dar, eine kinesiologische Methode, die auf neuro-physiologischer Ebene nach Stress in lernrelevanten Bereichen des Gehirns forscht – und diese dort quasi „vor Ort“ entstresst.

Die Praxis zeigt, dass aber Lernprobleme und Teilleistungsstörungen eben nicht nur als ein subjektives Problem der/s Betroffenen zu sehen sind, sondern dass für den dauerhaften Lernerfolg auch andere Faktoren eine große Rolle spielen. Diese anderen Faktoren sind jene, die auf das Kind bzw. den Jugendlichen einwirken: Zum einen die Institution Schule sowie der Familienverbund bzw. das System Familie zum anderen.

Letzteres wollen wir im Folgenden einmal genauer betrachten. Vielfach ist es so, dass parallel zu den individuellen Entstressungen des Kindes / des Jugendlichen die Mütter und immer öfter auch die Väter fragen, was sie selbst noch begleitend tun können. Und da gibt es in der Tat einiges, was im Alltag einfach praktiziert werden und mit wenigen Mitteln großen Erfolg bringen kann: Das Modell von Starke Eltern – Starke Kinder®! Dieses Projekt wurde vom Deutschen Kinderschutzbund in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ins Leben gerufen. Es ist ein „Elternkurs“ und vermittelt das Modell der anleitenden Erziehung in einem fünfstufigen aufeinander aufbauenden System. Der Elternkurs besteht in der Regel aus zehn Abenden, die einmal wöchentlich für ca. zwei Stunden stattfinden. Veranstalter können u. a. die Ortsverbände des Deutschen Kinderschutzbundes, Evangelische Familienbildungsstätten oder auch freie Anbieter sein, die diesen Kurs in eigenen Räumlichkeiten anbieten.

An Hand von konkreten Problemen in der Familie – und häufig gehören Schwierigkeiten in der Schule und das Thema Hausaufgaben mit dazu – wird gemeinsam nach Lösungen gesucht, die den Erziehungsalltag für alle angenehmer gestalten. Und genau hierin liegt das besondere Potenzial.

Zum besseren Verständnis und für einen genaueren Einblick möchten wir im Folgenden die Autorin des Konzeptes, Frau Paula Honkanen-Schoberth, Geschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes Ortsverband Aachen zitieren, die einen öffentlichkeitswirksamen Bericht über den Elternkurs: „Starke Eltern - Starke Kinder ®“ – Wege zur gewaltfreien Erziehung in der Familie verfasst hat: „… Das Recht der Kinder auf gewaltfreie Erziehung wurde mit der Verabschiedung des Gesetzes zur „Ächtung der Gewalt in der Erziehung“, § 1631 BGB, Gesetzeswirklichkeit. Kinder und Jugendliche erleiden Gewalt in der Erziehung, weil Eltern – besonders in schwierigen Lebenssituationen – sich überfordert und hilflos fühlen und keine Alternativen zu körperlichen oder seelisch verletzenden Strafen kennen oder in ihren Ohnmachtssituationen nicht zur Hand haben. Damit die Eltern durch das neue Gesetz nicht noch mehr verunsichert werden, und damit es Bewusstsein bildende und Verhalten verändernde Bedeutung im Familienalltag gewinnen kann, dazu sind vielfältige begleitende Maßnahmen notwendig. Einer dieser – auch durch das Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend unterstützten – konkreten Angebote sind die Elternkurse „Starke Eltern – Starke Kinder“ des Deutschen Kinderschutzbundes.

Ziele, Inhalte und Anwendung

Die Grundideen des Elternkurses stammen aus der Arbeit des Finnischen Kinderschutzbundes in den 80er Jahren. Die jetzige Kurskonzeption wurde auf dieser Grundlage aufgebaut, weiterentwickelt und vorerst im Aachener Kinderschutzbund in zahlreichen Elternkursen mit Erfolg erprobt und evaluiert. Ziel des Elternkurses ist es zum einen, die psychische und physische Gewalt in der Familie durch Stärkung der Erziehungskompetenz der Eltern zu verhindern oder zumindest zu reduzieren, und zum anderen die Rechte und Bedürfnisse der Kinder durch das Aufzeigen der Mitsprache-, Mitbestimmungs- und Gestaltungsmöglichkeiten der Kinder in dem gemeinsamen Familiensystem – auch im Sinne der UN-Kinderrechtskonvention – zu stärken. Um dieses zu erreichen, soll das Selbstvertrauen der Eltern als Erzieher gefestigt und die Kommunikation in der Familie verbessert werden. Hierbei ist der Blick auf die vorhandenen Ressourcen sowohl der Eltern als auch auf die der Kinder gerichtet, nicht auf die Defizite. Die einzelnen inhaltlichen Schwerpunkte des Kurses werden von diesen beiden Zielkomponenten abgeleitet und an dem Leitbild des Erziehungsstils „anleitende Erziehung“ weiterentwickelt. Der anleitende Erziehungsstil ist weder „autoritär“ noch „anti-autoritär“. Eltern sollen erfahren, wie sie ihre Erziehungsfunktion und Verantwortung gemeinsam übernehmen können und wie sie ihre positive elterliche Autorität durchaus ausüben dürfen, ohne auf körperliche Bestrafungen, auf seelische Verletzungen oder auf sonstige entwürdigende Erziehungsmaßnahmen zurückgreifen zu müssen. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Wertvorstellungen, mit den Erziehungszielen, mit den mehr-generationalen Prämissen und Glaubenssätzen, die das Erziehungsverhalten prägen und leiten, sind u. a. Inhalte des Kurses. Auch das Setzen und Begründen von Grenzen sowie das Achten auf deren Einhaltung spielt eine wichtige Rolle in den Kursabenden. Einen weiteren inhaltlichen Schwerpunkt bilden die die Entwicklung der Kinder prägenden beziehungs- und erziehungsrelevanten Leitorientierungen wie Fürsorglichkeit, Annahme, Anerkennung, Ermutigung, Vertrauen, gemeinsames Tun und Freude, die in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen behandelt werden.

Die Ressourcen der Eltern und Kinder und das Finden eigener Lösungswege aus den Konfliktsituationen werden an Hand konkreter Beispiele analysiert und reflektiert. Hierbei ist der Blick weder auf Vergangenheit noch auf die Ursache-Wirkung- Schuld-Frage noch auf Defizite einzelner Familienmitglieder gerichtet, sondern auf die Zukunft. Die zentrale Frage lautet: welcher unmittelbare konkrete kleinstmögliche Schritt ist erforderlich, um das eigene Verhalten in die gewünschte Richtung zu verändern. Zu Grunde liegt hier die Überzeugung, dass es einfacher ist, das Verhalten als die Einstellungen zu verändern. Die positiven Erfahrungen auf der Verhaltensebene haben oft eher die Chance, allmähliche Veränderungen auf der Einstellungsebene nach sich zu ziehen.

Theorien und Methoden

Die Inhalte des Elternkurses sowie die Perspektive der Ressourcen-Orientierung basieren auf zum Teil sehr verschiedenen Theoriepositionen. Systemtheoretische Ansätze, das heißt die Betrachtung der Familie als System mit seinen familiären Subsystemen finden ebenso Berücksichtigung wie der kommunikationstheoretische Ansatz von Paul Watzlawick sowie einige Inhalte der unterschiedlichen familientherapeutischen Schulen, z. B. S. Minuchin, de Shazer oder T. Rönkä. Aber auch Elemente aus der Individualpsychologie Alfred Adlers, einige verhaltensoder gesprächstherapeutische Ansätze C. Rogers und Ideen von Thomas Gordon bilden u. a. den theoretischen Hintergrund. In den Kursabenden wechselt Theorievermittlung mit Selbsterfahrung. Theoretische Inhalte werden in den Kursabenden als kurze Inputs mit Hilfe von Folien, Textmaterial und mit Hilfe von „Mottos“ vorgestellt. Danach sollen die Teilnehmer/innen diese Inhalte in Kleingruppen mit ihren eigenen Erfahrungen in Verbindung setzen, um sie dann bewusst in einem veränderten Verhalten mit den Partnern und Kindern während der nachfolgenden Wochen in Alltagssituationen auszuprobieren. Durch den gruppendynamischen Prozess kann die Verarbeitung der Inhalte in einer annehmenden, zuweilen durch Humor und Spaß gekennzeichneten Atmosphäre vertieft und die Reflexion über das eigene Verhalten intensiviert werden.

 Ausgehend von  den folgenden fünf Fragestellungen werden die Inhalte  jeweils zuerst theoretisch beleuchtet und dann auf der Basis gruppendynamischer und rollenspezifischer Prozesse eingeübt:

Welche Werte und Erziehungsziele haben wir in der Familie?

Wie kann ich das Selbstwertgefühl des Kindes unterstützen? Wie kann ich meinem Kind bei seinen Schwierigkeiten helfen?

Wie drücke ich meine Bedürfnisse aus?

Wie lösen wir Probleme in der Familie? … Hierbei werden vor allem Kleingruppenübungen und Rollenspiele eingesetzt. Außerdem werden Verfahren vorgestellt, die bei der Analyse der Entstehung von häufig auftretenden Erziehungsproblemen und deren Lösungen behilflich sein können.

Anwendungsbereiche und Dauer der Kurse

Die Konzeption bietet eine praktische Arbeitsgrundlage gerade dort, wo es um das ABC der Kommunikation in der Familie, um praktikable gewaltlose Erziehungs- und Grenzsetzungsmethoden und um mehr Sicherheit im Umgang miteinander geht.

Man kann das Konzept jedoch je nach Bedarf auch spezifizieren und an die Bedürfnisse der jeweiligen Zielgruppe wie z. B. Eltern der Kindergartenkinder, Grundschulkinder, an die Eltern der Pubertierenden oder Adoleszenten anpassen.

Die Anwendung der Konzeption in der Arbeit mit Alleinerziehenden, mit Pflege- und Adoptionsfamilien ist ebenfalls durch gezielte Schwerpunktsetzung denkbar. Darüber hinaus können Teile des Kurses in modifizierter Form im Eltern- Kind-Gruppenbereich oder für die Gestaltung von Elternabenden in Kindergärten oder Schulen genutzt werden. Als weitere Einsatzbereiche sind u. a. Familienbildungs- und Beratungsinstitutionen, Schulen und Kindergärten denkbar. …

Ausblick

Die bisherigen Rückmeldungen der Eltern und der Multiplikatoren zeigen eindeutig, dass die Elternkurse „Starke Eltern –Starke Kinder“ den neu in Artikel 16 des KJHG aufgenommenen Auftrag, Eltern Wege aufzuzeigen, Konflikte in Familie gewaltfrei zu lösen, erfüllen. Die ersten Evaluationsstudien in München, Remscheid und Aachen bestätigen, dass die Kurse zur Entlastung und zu mehr Vertrauen auf die eigenen und auf die Fähigkeiten der Kinder sowie zu mehr Sicherheit und Zufriedenheit im Umgang miteinander in der Familie beitragen. Somit vermögen sie einen kleinen Schritt auf dem Weg zur lebensweltbezogenen Verbesserung der rechtlichen Position des Kindes leisten.

Auskunft möglich über:

Deutscher Kinderschutzbund, Landesverband NRW e.V., Domagkweg 20, 42109 Wuppertal, Tel: 0202/754465, Fax: 0202/755354

Soweit diese Ausführungen von Frau Paula Honkanen- Schoberth. Zum besseren Verständnis sei noch gesagt, dass bei diesen Elternkursen zwar der Aspekt der Gewaltfreiheit in der Erziehung bzw. in der Familie im Vordergrund steht, dass jedoch unter dem Aspekt der Begleitung von Kind und Jugendlichem während der Schulzeit und während des Lernens parallel zur Kinesiologie eine Menge Unterstützung von den Eltern gegeben werden kann. Durch das Hinterfragen des eigenen Erziehungsstils, das Überdenken des eigenen täglichen Handelns und der festgefahrenen Ansichten und Verhaltensweisen, kurzum durch Analyse des eigenen Menschenbildes werden in sehr vielen Fällen Stressmomente von vornherein schon in der Entstehung reduziert. Dieses Mehr an Energie kann dann zielgerichtet in all jene Bereiche fließen, die ein gemeinsames Zusammenleben auch trotz der zum Teil widrigen Umstände (Schule, Beruf, Familienalltag usw.) erleichtern, mehr Lebensfreude, Harmonie und Verständnis für einander bringen.

Mit einer Kindheit voll Liebe kann man ein halbes Leben hindurch die kalte Welt aushalten. (Jean Paul)


 

Zur Autorin Aenne Milnikel

leitet gemeinsam mit Oliver Hechtenberg das Institut für Pädagogische Kinesiologie © in Oldenburg für Lern- und Lebensberatung, bieten in vielen Bereichen Kurse für Selbsterfahrung und Fortbildung an, halten Vorträge und veranstalten den jährlich stattfindenden Kongress "KinesiologieTage Oldenburg". Sie sind Mitglieder im Europäischen Verband für Kinesiologie.

Zum Autor Oliver Hechtenberg

leitet gemeinsam mit Aenne Milnikel das Institut für Pädagogische Kinesiologie© in Oldenburg für Lern- und Lebensberatung, bieten in vielen Bereichen Kurse für Selbsterfahrung und Fortbildung an, halten Vorträge und veranstalten den jährlich stattfindenden Kongress "KinesiologieTage Oldenburg". Sie sind Mitglieder im Europäischen Verband für Kinesiologie.

Anschrift der Autoren:

Aenne Milnikel und Oliver Hechtenberg, Feldstr. 74, D-26127 Oldenburg, Tel.: 0441 / 9 62 05 65, Fax: 0441 / 9 62 05 66, info@ipk-ol.de, www.ipk-ol.de