Dr. med. Christa Keding
Psychologische Kinesiologie
Das Stress-Release (Teil 2)
In der letzten Ausgabe von "CO'MED" stellte ich Ihnen die kinesiologische Psycho-Analyse vor, die eine gestörte Verhaltens- und Erlebensweise rückverfolgt zu ihren primären Ursprüngen, meist in der Kindheit, als dieses Muster geprägt wurde. Heute möchte ich Ihnen Ablauf, Hintergründe und Auswirkungen des Stress-Releases vorstellen, mit dem alte, untaugliche Konditionierungen gelöst werden können, um den Weg zur Neuorientierung freizugeben.
Langjährige Beobachtungen haben gezeigt, dass allein das Aufdecken von Prägungsmustern oder traumatisierenden Erlebnissen noch längst nicht ausreicht, um Veränderungen im gegenwärtigen Alltag zu ermöglichen. Selbst mit dem enormen Aufwand einer Psychoanalyse ändert sich das persönliche Erleben oft nur unwesentlich und zäh, und auch rascher aufdeckende Verfahren wie Hypnose oder der allein analysierende kinesiologische Muskeltest erfassen zwar gezielter die Wurzeln, vermögen meist aber keinen Durchbruch zu bewirken.
In unserer Praxis haben sich verschiedene Situationen ergeben, in denen eine aufdeckende Sitzung nicht mit einem Stress-Release abgeschlossen werden konnten, und immer wieder fehlte den KlientInnen die Möglichkeit, die sich wiederholenden Alltagsherausforderungen emotional anders - gereifter - zu verarbeiten. Darüber hinaus gab es etliche Begegnungen mit PatientInnen, die schon eine längere aufdeckende Therapie hinter sich hatten, die ihr Problem also quasi auf dem Silbertablett präsentieren konnten, und bei denen ohne größeren analytischen Aufwand allein durch den Einsatz des Stress-Release ein Muster gewandelt wurde.
Beispiel:
Ein vierzigjähriger Architekt kam zur Behandlung, weil er seine vielfältigen Ideen und kreativen Impulse nicht umsetzen konnte und sehr darunter litt, sich nicht öffentlich darstellen zu können. Auch seine Auftragslage litt logischerweise hierunter. Er war sehr verzweifelt über seine Situation, besonders da er bereits drei Jahre Psychoanalyse und zwei Jahre Verhaltenstherapie hinter sich hatte, um seine Ängste und Hemmungen abzubauen. In Folge dieser Therapien war er sich sehr bewusst, dass seine Minderwertigkeitsgefühle durch Geringschätzung in seiner Familie entstanden waren.
Ein typischer Satz aus dem Elternhaus, der ihn auch heute noch bis ins Mark traf, war:
"Du bist nichts, du hast nichts, du kannst nichts!
Geändert hatte diese Einsicht an seinen Gefühlen jedoch nichts.
Durch Muskeltest vollzogen wir die eigentlich schon offenkundigen Zusammenhänge nach, geschwächt waren der Magenmeridian (-) (Stressemotionen: Kritik, Einfühlungsvermögen) und der Lungenmeridian (-) (Stressemotion: Geringschätzung), ursprüngliches Entstehungsalter: 4./5. Lebensjahr, Lebensumfeld: Vater (-) und Mutter (-).
Die Aussage des Patienten:
"Ich achte und schätze mich und meine Leistungen schwächte den Muskel wie erwartet.
Nach entsprechendem Stress-Release sah ich den Patienten erst drei Monate später wieder.
Er berichtete über die erstaunliche Erfahrung, dass sich in seinem Leben einiges bewegt hatte:
Er hatte zunächst an einer Ausschreibung teilgenommen, in der er seine Ideen und Entwürfe gut darstellen konnte und dementsprechend anerkannt wurde. Er hatte keine Scheu, sich und seine Pläne zu präsentieren und sicher aufzutreten. Darüber hinaus berichtete er erstaunt, dass er zwar keineswegs seine Kindheitserfahrungen vergessen habe, dass er sich aber zum ersten Mal im Leben nicht mehr dadurch verletzt oder eingeengt fühle.
Beim Stress-Release (kurz ESR = emotional stress-release) werden Reflexzonen bzw. -punkte durch Berühren behandelt, wie sie aus dem Touch for Health gebräuchlich sind:
Dies sind üblicherweise die beiden Stirnbeinhöcker des Patienten, die vom Therapeuten mit Daumen und Zeige-/Mittelfinger einer Hand für mehrere Minuten ruhig gehalten werden; alternativ kann die eine Hand flach auf die Stirn, die andere flach auf das Hinterhaupt gelegt werden. (Auf weitere angewendete Varianten möchte ich hier nicht eingehen, da der Therapieerfolg durch diese beiden Behandlungsformen vollständig gewährleistet ist.) Während dieser Zeit fokussiert sich die Patientin/der Patient in freiem Fluss eigener Assoziationen mit geschlossenen Augen auf das bearbeitete Thema, öffnet sich den Eindrücken, die damit verbunden sind, die bekannt sind oder erst während des Stress-Release aufsteigen.
Idealerweise gehen dem ESR eine ausreichende Zeit des einfühlsamen Gespräches sowie die kinesiologische Suche nach den Wurzeln, voraus. Damit kristallisiert sich das Thema derart greifbar heraus, dass es keiner weiteren therapeutischen Regieanweisungen bedarf. Zu fixe Vorgaben oder zu komplexe Aufträge behindern oft spontane Erkenntnisprozesse, außerdem zieht die Konzentration auf den Rahmen zuviel Aufmerksamkeit vom Prozess selbst ab. Je weniger Vorgaben erfolgen - außer das Thema in allen Facetten auf sich wirken zu lassen einschließlich aller unangenehmer Empfindungen, Erinnerungen und Befürchtungen -, desto unbefangener können sich die KlientInnen einlassen.
Während des ESR sollte möglichst nicht gesprochen werden, um den endogenen Prozess nicht zu irritieren:
Auch das "Hineinreden von positiven Affirmationen hat sich aus unserer Sicht nicht bewährt, denn erstens stört es die entspannte Konzentration, zum anderen raubt es dem Patienten das Erleben eines inneren Wandlungsprozesses, der sich während des ESR von ganz allein einstellt. Dieser spontane Wandlungsprozess wiederum gibt ihm Vertrauen in die Macht des eigenen Unterbewussten, was ihm Mut macht zur Selbstverantwortung und den Weg in autonomes Handeln ebnet.
Dauer der Behandlung
Die Dauer des Stress-Releases schwankt zwischen wenigen Minuten (bei eher oberflächlichen Ängsten wie z.B. vor einem Zahnarztbesuch oder einer Prüfung) bis zu ca. einer viertel Stunde, in seltenen Fällen auch schon mal länger. Da die benötigte Zeit individuell unterschiedlich ist, sollte sie entweder vorab verbal per Muskeltest bestimmt werden, oder der Therapeut nutzt die freibleibende Hand zum Eigentest, um das Ende des Vorganges "abzulesen . Man kann auch vereinbaren, dass der Patient/die Patientin die Augen öffnet, sobald sich das Thema in Alltäglichem verliert oder sich etwas innerlich gelöst hat, wobei diese Variante den Nachteil hat, sich wieder durch die Rahmenbedingungen ablenken zu lassen. Ein entspanntes Einlassen ist eher möglich, wenn der Therapeut vorgibt, dass mit dem Lösen der Hand von der Stirn die Augen wieder geöffnet werden können und der Prozess beendet ist.
Nach dem ESR werden durch Muskeltest die vorher nachgewiesenen Stressoren überprüft, üblicherweise bleibt der Muskel jetzt stark bei verbaler Konfrontation mit den Begriffen, die zuvor Alarm ausgelöst und die Muskelkontrolle unterbrochen hatten. Ebenso müssen am Ende die Glaubenssätze per Muskeltest die positive Neuorientierung bestätigen.
Nach einem abschließenden kurzen Gespräch über das Befinden des Klienten und seine Erfahrungen im ESR sowie über die Aussichten der weiteren Entwicklung ist die Sitzung beendet.
Grundsätzlich liegt dem ESR die Vorstellung zu grunde, dass hierdurch ausgeblendete Gefühlserfahrungen reintegriert werden können. Sofern emotionale Traumata zur Zeit des Erlebens nicht bewusst gelöst bzw. verarbeitet werden können, werden bestimmte neuronale Kommunikationsmechanismen "abgespalten - was sich psychologisch gesehen als "Verdrängung auswirkt. Durch gleichzeitige Aktivierung entsprechender Zonen der rechten und der linken Hemisphäre lässt sich diese Entkopplung vorübergehend quasi überbrücken - nach Untersuchungen von Terence Bennet bewirkt die Berührung so genannter "neurovasculärer Punkte auf der Kopfoberfläche eine verstärkte reflektorische Durchblutung und damit Aktivitätssteigerung bestimmter Gehirnareale. Dadurch scheint es zu einem Austausch zwischen rational und emotional involvierten cerebralen Zentren zu kommen, und die heute gereifte erwachsene Einsicht des Klienten / der Klientin verknüpft sich mit den dissoziierten emotionalen Anteilen, die dadurch neu erlebt und bewertet werden. Hier endlich kann die Erkenntnis, die ja schon in analytischen Therapieformen erreicht werden kann, sich in einer gleichgestellten Ebene mit den prägenden psychischen Erfahrungen neu verbinden.
Die Integration von zuvor abgespaltenen Elementen persönlichen Erlebens durch das ESR hat im konkreten Alltag des Klienten zwei wesentliche Auswirkungen:
- Es wird Energie freigesetzt, die zuvor nötig war für den Verdrängungsprozess. Dadurch fühlen sich die PatientInnen freier, vitaler und dynamischer.
- Zum zweiten ändert sich die Qualität der emotionalen Konditionierung.
Das heißt, bis vor der Bearbeitung noch gefühlte und erlebte Einschränkungen lösen sich auf, so dass der Weg frei wird zu Neuorientierung, zu unabhängiger Betrachtung, Entscheidung und Handlung.
Da bei dieser Art der Psychotherapie alte, untaugliche Muster gelöst werden und hierdurch den KlientInnen neuer Freiraum entsteht, sind die Behandlungsintervalle nicht mit konventionellen Methoden der Gesprächstherapie vergleichbar. Abgesehen von Krisensituationen, in denen schon mal engere Kontakte nötig sind, reichen die Zeitabstände der Sitzungen von ca. vier bis sechs Wochen bis zu sporadischen Begegnungen bei Bedarf, falls ein Problem trotz persönlichen Einsatzes nicht lösbar scheint.
So verlockend es auch wirkt, jedes Unbehagen mit einem Stress-Release aus der Welt schaffen zu wollen, so muss doch betont werden, dass das Lösen alter Blockaden nur ein kleiner, wenn auch wichtiger, Teil der psychischen Entwicklungsspirale ist (was den Nutzen dieser Methode zur Selbsthilfe bei Alltagsproblemen natürlich nicht mindert). Der wesentliche Anteil ist und bleibt auch weiterhin das Nachspüren, das Aufdecken, der Wille zur Veränderung, das Umsetzen in Handlung. Das ESR ist besonders dann indiziert, wenn untaugliche Fesseln aus vergangenen Erfahrungen diesen erwachsenen Umgang mit Konfliktlösungen verhindern oder erschweren - aber darin bewirkt es dann auch geradezu Wunder.
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