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CoMed - Artikel-Archiv:

Dr. med. György Irmey

Objektivität und Subjektivität in der Medizin

Im allgemeinen und bei den kinesiologischen Diagnose- und Therapieverfahren im besonderen

Die Diskussion um dieses Thema wird sehr subjektiv geführt, das heißt die Protagonisten einer wissenschaftlich und evidence-based orientierten Medizin sehen ihr Weltbild als objektiv wahr und richtig, während das systemorientierte Denken, das dem subjektiven Anteil in uns einen angemessenen Stellenwert gibt und der Tatsache Rechnung trägt, dass jede objektive Wahrheit eine subjektive Färbung hat, einfach als irrational und beschränkt abgetan wird.

Die wissenschaftlich und auf Evidenz basierte Schulmedizin scheint den Ansprüchen der Objektivität vollständig zu genügen, während die naturheilkundlich orientierten Verfahren eher dem subjektiven Lager zuzuordnen sind. Die besondere Problematik dieser Zuordnung - die natürlich auch in Frage zu stellen ist - hat zur Folge, dass die objektiven Verfahren als die wirksamen und guten Methoden gelten, während die subjektiven den unwirksamen und schlechten Ansätzen zugerechnet werden. Abbildung eins zeigt, dass auch in der Wissenschaft letztendlich im positiven wie in negativen die subjektiven Kräfte prägend sind! Siehe Abbildung 1.

H. Plügge sagte:

"Wir pflegen uns nicht unnötig lange bei dem Befinden unserer Patienten aufzuhalten, weil wir hinter dem Befinden immer gleich schon den Befund suchen und im Auge haben.

Extrem ausgedrückt:

Wir halten den objektiven Befund für das "Eigentliche", das Wichtige, für das wir uns verpflichtet fühlen.

Der objektive Befund ist die vermeintliche "Wahrheit".

Wir neigen zu der Ansicht, Befinden könne trügen, Befunde jedoch nicht. Die objektiven Befunde seien es, die unser Wissenschaftssubstrat ausmachen. Der subjektiven Seite komme keine bestimmte Bedeutung zu; ja, im Idealfall sei sie entbehrlich."

Eine objektive Tatsache ist, dass in Deutschland jährlich über 16.000 Menschen an den Folgen der Nebenwirkungen von Arzneimitteln sterben:

Die Medizin muss der traurigen Tatsache ins Auge schauen, dass aus diesem Grund weit mehr Menschen zu Tode kommen als durch Verkehrsunfälle.

Patienten sind in Deutschland und vielen anderen Ländern häufig Teilnehmer verlängerter wissenschaftlicher objektiver Studien, ohne dass sie wirklich über Folgen und Risiken aufgeklärt werden. Seltsamer Weise wird bei der Zulassungsbürokratie neuer Medikamente äusserst subjektiv verfahren.

Im Frühjahr 2000 sind beispielsweise in den USA 15 Todesfälle und bei 47 Patientinnen gravierende Nebenwirkungen infolge der Einnahme des neuen gentechnisch hergestellten Antikörpers Herceptin, der in der Therapie des Mamma-Carcinoms zunehmend eingesetzt wird, bekannt geworden, so dass die FDA als zuständige Zulassungsbehörde zu einer kritischen Beurteilung dieses Präparates aufrief.

Als ob nichts geschehen wäre, wurde mit massiver Unterstützung der Fachpresse Anfang September 2000 dieses Päparat in Deutschland als nebenwirkungsarmes, zukunftsweisendes Medikament offiziell zugelassen. Ähnliche Vorkommnisse hätten wahrscheinlich bei einem naturheilkundlichen Mittel zu einem weltweiten, sofortigen Verbot geführt.

Das hierarchisch - dogmatisch - subjektive Denken in vielen Bereichen der heutigen Medizin und das Festhalten an alten Denkschablonen wird immer noch viel zu wenig in Frage gestellt. Bereits in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde - bedingt durch die Quantentheorie - durch führende Naturwissenschaftler wie Bohr, Heisenberg und andere Wissenschaftler der Kopenhagener Physikergruppe festgestellt, dass die Descartessche substanzielle Trennung von Subjekt und Objekt in der modernen Naturwissenschaft nicht aufrecht erhalten werden kann.

Bohr sagte wörtlich:

"Eine Erscheinung ist nur dann eine Erscheinung, wenn sie eine beobachtete Erscheinung ist".

Die Identität von Objekten ist immer von einem Beobachtungsvorgang abhängig. Die für uns erlebbare Wirklichkeit ergibt sich aus einem Dialog zwischen Beobachter und dem, was beobachtet wird, zwischen einer Welt des Geistes und einer Materiewelt.

Objektivität und Subjektivität sind daher stets zu relativierende Begriffe:

Eine wissenschaftlich geprägte Medizin meint immer noch, auf ihren Absolutheitsansprüchen der objektiven Beweisführung beharren zu müssen, obwohl gerade auch die moderne Medizin diesen Anforderungen nicht gerecht werden kann. Keine medizinische Studie kann den komplexen Aspekten unseres Wesens gerecht werden, sondern immer nur Teilaspekte erfassen, und man muss daher bei der Interpretation ihrer Ergebnisse vorsichtig sein. In jedes Experiment fließt der Beobachter als eine schwer berechenbare Größe mit ein.

Ein zur Hälfte mit Flüssigkeit gefülltes Glas kann als halbvoll oder als halbleer gesehen werden - beide Sichtweisen sind objektiv wahr, trotzdem trennen sie manchmal Welten.

Wenn bereits in der Naturwissenschaft als einer der Grundlagendisziplinen der Medizin eine Überwindung des Dualismus von Subjekt und Objekt erforderlich ist, muss man sich bei manchen scheinbar hochmodernen Studiendesigns in der heutigen Medizin fragen, ob die Welt nicht im vorletzten Jahrhundert stehen geblieben ist. Auch wenn wir heute bezüglich des Zusammenhanges von Subjekt und Objekt, von Psyche und Soma nach wie vor vieles nicht verstehen, gibt es genügend Hinweise, dass in der Arzt-Patienten-Beziehung nur eine ganzheitliche Wahrnehmung des Menschen eine Zukunft hat.

Ein korrigierter Befund trägt leider nicht immer zu einer Verbesserung des subjektiven Befindens bei:

Objektive Messparameter bei Blutwerten oder bildgebenden Diagnostikverfahren mögen zwar wieder der Norm entsprechen, trotzdem geht es dem Patienten nicht besser. Andererseits kann sich bei einem Patienten das Wohlbefinden durchaus steigern und eine Zufriedenheit mit den Behandlungsergebnissen gegeben sein, ohne dass die Befunde wieder im Normbereich sind. Gerade bei den in der heutigen Praxis vorherrschenden chronischen Krankheitsbildern kann ein therapeutischer Prozess nur dann erfolgreich sein, wenn er der Komplexität unseres Seins individuell Rechnung trägt. In diesem Sinne ist für jede Richtung in der Medizin eine Vereinigung der subjektiven und objektiven Elemente zu fordern.

Bei den kinesiologischen Test- und Therapieverfahren wird die Wirksamkeit von wissenschaftlich - medizinischer Seite in Frage gestellt, weil sie als zu subjektiv gelten:

Zweifelsohne besteht bei den eher subjektiven kinesiologischen Methoden die Gefahr der Selbstüberschätzung und Missachtung fremder Erfahrung - hier ist schon eine Abstimmung mit objektiven Kriterien notwendig, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Siehe Abbildung 2

Diese objektiven Kriterien sind in der Kinesiologie dann besonderes wichtig, wenn es um weitreichende, möglicherweise invasive Entscheidungen bei den Patienten geht. Die gemeinsame Basis aller kinesiologischen Testverfahren ist der Muskeltest, also eine Möglichkeit, ohne Zwischenschaltung von Apparaten mit Hilfe des menschlichen Organismus ergänzende Informationen zu Diagnostik und Therapie zu bekommen.

Welche Form der Kinesiologie auch immer praktiziert wird - sie ist zunächst subjektiver Natur!

Bei weitreichenden Konsequenzen für den Patienten ist das Testergebnis unbedingt zu hinterfragen bzw. durch andere medizinische und/oder funktionelle Verfahren zu überprüfen. Wenn auch der Muskeltest und die kinesiologischen Methoden subjektiver Natur sind, so können sie trotzdem zu objektivierbaren Ergebnissen führen. Schließlich ist in der Diskussion um Subjektivität und Objektivität auch wichtig zu sehen, dass unterschiedliche diagnostische Aussagen und therapeutische Ansätze durchaus zu demselben Erfolg führen können, nämlich dem Patienten die Auseinandersetzung mit seinem Krankheitsprozess zu erleichtern und sein Leiden zu lindern.

Heute gibt es eine unüberschaubare Vielzahl an kinesiologischen Diagnose- und Testverfahren, die sowohl in Ärzte- wie auch Laienkreisen praktiziert werden:

Genauso wie die Elektroakupunktur nach Voll (EAV) sich in verschiedene diagnostische und therapeutische Verfahren weiter entwickelt hat (BFD, Vegatest, Mora, Bioresonanztherapie, Performance 2000, Prognos u.v.m.) und diese heute gleichberechtigt nebeneinander bestehen, ist ein Alleinvertretungsanspruch des 1974 von Goodheart gegründeten ICAK (International College of Applied Kinesiology), die einzig wahre Form der Kinesiologie zu lehren, sicher nicht mehr zeitgemäß.

Grundsätzlich gilt, dass die Vertreter aller kinesiologischen Richtungen sich mehr darum bemühen sollten, aufeinander zu zu gehen und Gemeinsamkeiten zu suchen anstatt sich gegenseitig abzuwerten!

In Laienkreisen werden teilweise andere kinesiologische Methoden als in der Praxis des Arztes oder Heilpraktikers angewandt. Oft wurden aufgrund von Schwierigkeiten im eigenen Umfeld mit Hilfe des kinesiologischen Muskeltests Vorgehensweisen entwickelt, die Probleme lösen oder besser kompensieren halfen. Die subjektive Erfahrung der Besserung, oft auch objektivierbarer Befunde, löst häufig Begeisterung und vereinzelt missionarischen Eifer aus. Der medizinische Hintergrund ist häufig sehr knapp und ungenügend, da er erst in zweiter Linie zählt. Im Vordergrund stehen die praktische Umsetzbarkeit der Methode und die durch viele Menschen erlebbare Wirkung.

Ob applied, angewandt, physiologisch, neuralkinesiologisch oder spezialisiert- Kinesiologie ist in jedem Fall subjektiv; diese Tatsache muss jeder verantwortungsbewusste Therapeut oder Kinesiologe sich immer wieder vor Augen halten. Der Erfolg kinesiologischer Methoden bemisst sich meines Erachtens daran, in wieweit die Eigenverantwortung des Patienten wirklich gefördert wird und der Testvorgang für den einzelnen nachvollziehbar und fühlbar bleibt. Leider werden durch unverantwortliche Anwender kinesiologische Ansätze in Verruf gebracht.

Kein Verfahren darf unabhängig vom jeweiligen Anwender gesehen oder beurteilt werden:

Es könnten in der Tat alle recht haben, würde nicht ein jeder darauf bestehen, allein recht zu haben.

Das Akzeptieren dieses Zitates des Nobelpreisträgers für Chemie, Manfred Eigen trifft den Kern des Themas Subjektivität und Objektivität am besten und könnte die Diskussion in der Medizin im allgemeinen wie auch unter den zahlreichen kinesiologischen Fachrichtungen im besonderen wesentlich erleichtern.